Sommersport und Werteerziehung an der Maria-Ward-Realschule

Vor einigen Jahren merkte der Personalvertreter eines großen deutschen Elektrounternehmens im Rahmen eines Lehrertages an unseren Schulen kritisch an, bei uns würden bei Leistungserhebungen noch immer anachronistische Hilfsmittel eingesetzt (er meinte Trennwände bei Schul- oder Stegreifaufgaben). Es sei, so erläuterte der Mann dem staunenden Kollegium, längst nicht mehr zeitgemäß, wenn Aufgaben individuell und nicht im Team gelöst werden müssten. „Deshalb schicken wir Leute, die mit einem deutschen Schulabschluss kommen, erst mal in die Schweiz in ein Abenteuercamp.“ Die Botschaft des Wirtschaftsvertreters war - obwohl zunächst belächelt - schon einleuchtend. Bereits seit über dreißig Jahren weiß man aus der Sozialforschung, dass Problemlösungen, die in einer Gruppe entstehen, im Durchschnitt deutlich besser gelingen als individuelle Ansätze. Die dazu notwendigen ‚Schlüsselqualifikationen’, zusammengefasst in dem Begriff ‚Teamfähigkeit’ werden daher im späteren Berufsleben in zunehmendem Maße nachgefragt, werden aber an den Schulen in Deutschland leider immer noch sehr vernachlässigt.

Im Gespräch mit Kollegen der verschiedenen Schulformen in Bayern werden solche Zusammenhänge durchaus gesehen. Es wird jedoch dann zumeist darauf verwiesen, dass unsere Lehrpläne zu vollgestopft seien und daher Gruppenarbeit zur Förderung von Teamfähigkeit aufgrund ihrer Zeitaufwendigkeit im normalen Unterrichtsgeschehen kaum zum Einsatz kommen könne.

Wir versuchen nun seit einigen Jahren schon, diesen Mangel durch zielgerichtete Angebote außerhalb des Fachunterrichts an unserer Schule auszugleichen. Aus unserer Alltagssprache kennen wir die Bedeutung vom ‚Boot, in dem alle gemeinsam sitzen’. Man meint damit, wir müssen etwas gemeinsam tun, um ein Problem zu lösen, um ein Ziel zu erreichen, um zu einem guten Ergebnis zu kommen oder eben auch, um gemeinsam zu scheitern und daraus zu lernen.
Es gibt in einem Boot eben nicht die Möglichkeit, unterwegs auszusteigen, um einen eigenen Weg zu gehen, wenn es schwierig wird. Im Gegenteil: wenn man sich der gesamten Gruppe verweigert, kommt keiner zum Ziel. Also: setzen wir unsere Schülerinnen in ein Boot!
Kanu fahren

Da ist zunächst einmal der Canadierkurs, der auf den Gewässern rund um Bamberg stattfindet. Ein Canadier ist ein offenes Kanu, das von einem Team von bis zu vier Schülerinnen gefahren wird. Alle Fahrmanöver werden innerhalb der Bootsbesatzungen ggf. diskutiert, entschie-den und sinnvoll koordiniert.
Dabei sind ver-schiedene Aufgaben zu bewältigen: Ein- oder Aussteigen, Steuerung des Bootes, Stärke des Vortriebs, Einsatz verschiedener Paddeltechniken, Beobachtung des Wassers vor dem Boot, Erkennen und Bewerten von Hindernissen u.v.a.m.. Dabei kommen eine ganze Reihe der sogenannten 'Soft Skills' zum Einsatz:
Die Fähigkeiten zur Kommunikation, man muss sich aufeinander einstellen, muss unter Stress entscheiden, auch mit Konflikten umgehen können. Neben diesen sozialen Kompetenzen können aber auch Personenkompetenzen wie Engagement, Zuverlässigkeit, Anpassungsfähigkeit und Ausdauer entwickelt werden.
Gemeinsam mehr erreichen

Gruppenbild Kanu
Aber das ist längst noch nicht alles: In den achten Klassen der Maria-Ward-Realschule wird am Ende des Schuljahres eine dreitägige Sommersportveranstaltung in der Fränkischen Schweiz durchgeführt. Hier wird etwas angeboten, was Vierzehnjährige normalerweise (noch) nicht kennen. Wir stellen ihnen durchweg Aufgaben, die man nicht allein, sondern nur im Team zu zweit oder mehreren lösen kann. Die Schülerinnen machen hier bei verschiedenen Aktivitäten die Erfahrung, dass es auch beim besten Willen nicht möglich ist, ein gestecktes Ziel im Alleingang zu erreichen. Man muss gemeinsam handeln, sonst erreicht man das Ziel nicht. Nebenbei stellt sich dann das gute Gefühl ein, dass man sich aufeinander verlassen kann.
An vielen Punkten unserer Aktivitäten ergeben sich komplexe Gruppenprozesse schon außerhalb der aktionsspezifischen Kommunikation: wie kümmert sich beispielsweise eine Klasse um Mitschülerinnen, die keinen Partner finden, oder was soll man davon halten, wenn laut und bestimmt auftretende Klassenkameradinnen plötzlich für die Gruppe nichts zu bieten haben, wenn es darauf ankommt?
Aus den Rückmeldungen der Teilnehmerinnen an den Sommersporttagen, um die wir stets nach dem Ende der Veranstaltungen bitten, wissen wir, dass es gerade diese zwischenmenschlichen Erfahrungen sind, die als außerordentlich spannend erfahren werden.

1. Felsenklettern und Abseilen


Hier geht es darum, Urängste zu überwinden. Der Sturz in den Abgrund droht. Die Schülerinnen müssen sich zwar auf ihre eigene Kraft und ihr Koordinationsvermögen verlassen, aber eben auch und vor allem auf die Klassen-kameradinnen, die sie sichern. Das Vertrauen, dass sich dabei bei allen Beteiligten entwickelt, kann sehr tief gehen, eine unglaubliche Erfahrung! Es vesteht sich von selbst, dass wir bei diesem Programmpunkt aus Sicherheitsgründen die Betreuung von erfahrenen Mitglie-dern des Deutschen Alpenvereins in Anspruch nehmen.
Dennoch musste dieser Programmpunkt leider 2008 auf Anweisung des Kultusministeriums aus dem Programm genommen werden. Die Begründung: Felsenklettern und Abseilen sei zu gefährlich.
Klettern und Abseilen

2. Orientierung mit Karte und Kompass


Karte und Kompass
Den Orientierungsmarsch in der Umgebung von Obertrubach als ‚Wandern’ zu bezeichnen, würde der Sache kaum gerecht. Er ist vielleicht körperlich nicht so anspruchsvoll wie andere Programmpunkte, aber hier müssen vier bis fünf Schülerinnen Informationen aus der Landkarte mit dem tatsächlichen Gelände vergleichen und dann gemeinsam entscheiden, welcher Weg zum Ziel führt. Dabei finden interessante Gruppenprozesse statt (wer übernimmt Führung und Verantwortung, wie geht man mit verschiedenen Meinungen um, wer bringt sich ein, wer läuft dagegen nur mit und wagt es dann auch noch, zu meckern?)

Bekanntes Element

3. Wildwasser auf der Wiesent


Wieder das Boot, diesmal aber ein zweisitziges Kajak. Das Ganze findet in der wunderschönen Landschaft des mittleren Wiesenttales zwischen Behringersmühle und Muggendorf statt.
Wasser ist zwar ein bekanntes Element, wird hier aber völlig neu ‚erfahren’. In Stromschnellen, engen Passagen, an Wehren und verborgenen Hindernissen müssen zunächst Skepsis und Ängste überwunden werden. Dann ist genaues Manövrieren erforderlich, in enger Abstim-mung zwischen beiden Partnern. Paddeln ist körperlich anstrengend, verlangt aber auch Technik, Koordination und Absprache mit dem Partner. Die gemeinsame Bewältigung einer schweren Aufgabe kann das Selbstbe-wusstsein stärken und vertieft Freundschaften.

Nebenbei müssen wichtige Fragen geklärt werden: Wer ist z.B. bereit, die Aufgaben mit einer Klassenkameradin anzugehen, die vielleicht nicht ganz so sportlich ist?
Und ein Riesenspaß ist Kajak fahren allemal! Eine Achterbahnfahrt ist vielleicht etwas rasanter, aber hier muss man selber aktiv werden, was den Spaßfaktor erheblich erhöht.
Stromschnellen

Anderen im Notfall helfen
Wie gut unsere Schülerinnen in diesem Jahr das Gelernte umsetzen konnten, zeigt die Tatsache, dass von den etwa 85 Mädchen keins in der eiskalten Wiesent unfreiwillig ‚baden gehen’ musste. Im Gegenteil, unsere Schüle-rinnen haben erlebt, wie andere, erwachsene Freizeitsportler offensichtlich ohne das notwendige Wissen oder die Abstimmung untereinander an der Aufgabe gescheitert sind. Allein das stärkt das Selbstbewusstsein schon, und wenn man dann den Schiffbrüchigen auch noch Hilfe leisten kann, braucht man über den Wert solcher Erfahrungen sicher nicht mehr zu diskutieren.

4. Mountainbiking


Zum Fahrrad haben wir fast alle eine besondere Beziehung. Fahrrad fahren lernen ist ein Eckpunkt in unserer Kindheit und kommt von der Bedeutung her gleich nach dem Laufen lernen. Allerdings verliert man das als Mittel zur Fortbewegung gedachte Fahrrad später zumeist aus dem Blick, als Sportgerät lernt man es erst gar nicht kennen. Auf der Fahrtstrecke im Wiesenttal geht es mit dem Mountainbike schon ein wenig auf und ab, da kommt es bei den einen darauf an, Kräfte zu mobilisieren, damit andere nicht warten müssen. Die Stärkeren müssen dagegen Geduld und Verständnis aufbringen, wenn es nicht so schnell wie gedacht voran geht. Schließlich sollen ja 14 Fahrerinnen gemeinsam am Ziel ankommen.
Mountainbiking

5. Höhlenerkundung


Auch hier geht es um Ängste der ganz besonderen Art. Mit der Gruppe in eine enge Höhle ohne Licht vorzudringen bedeutet, die Angst vor Dunkelheit und Enge (SPINNEN??) zu überwinden. Wenn man die Umgebung nicht mit den Augen wahrnehmen kann, lernt man Erstaunliches darüber, wie gut man andere Sinne – vor Allem Tasten und Hören – ersatzweise benutzen kann. Ganz ohne Vertrauen in den Mitschüler neben oder vor einem geht es aber auch nicht. Und wer am Ende erfahren hat, dass man sich völlig ohne Schelte oder schlechtes Gewissen mal ‚gscheit einsauen’ darf, hat möglicherweise ein neues Hobby gefunden.
Zum pädagogischen Konzept unserer Sommersporttage gehört schließlich auch, dass wir nach den Veranstal-tungen unsere Schülerinnen um ein Feedback bitten (was war gut, was nicht, was sollte für die nächsten achten Klassen anders laufen). Die Erfahrung zeigt, dass unsere Schülerinnen die Gelegenheit zur Kritik mit einer erstaunlichen Ernsthaftigkeit nutzen. Wir haben für die Weiterentwicklung der Sommersporttage dadurch schon viele nützliche Anregungen bekommen.
Höhlenerkundung

Vielleicht geben wir mit unseren Konzepten jungen Menschen Erfahrungen mit auf den Weg, die später für das Berufsleben, aber sicherlich auch für Partnerschaft und Familie wertvoll sind. Wir denken auch, dass wir mit diesen Angeboten richtig auf die anfangs erwähnten kritischen Anmerkungen an der Art und Weise, wie bei uns Schule organisiert ist, reagiert haben.

Unsere Trennwände haben wir übrigens trotzdem behalten.

Michaela Weber (Idee, sportliche Leitung und Organisation der Sommersporttage)
Hartwig Kabus (Pädagogisches Konzept und Dokumentation, Organisation der Canadierkurse)