Projekte

Zeitzeuge zu Besuch in der 10a der Maria-Ward-Realschule

anschaulich berichtete Herr Hirmke den Schülerinnen der 10a, die gespannt und mucksmäuschenstill auf ihren Plätzen saßen von seinen Fluchterlebnissen

Es war im Winter 1945:


Regelmäßig, fast jede Nacht: Fliegeralarm weil Bomber-Verbände aus Nordwesten unsere Stadt überflogen um ihre todbringende Last in südlicheren Breiten abzuladen - und weil ja evtl. auch mal ein Notabwurf möglich wäre mussten wir in den Keller.Wir hatten uns abends nur teilweise ausgezogen und mit Unterwäsche und Strümpfen zum Schlafen ins Bett gelegt, damit wir bei Alarm schneller wieder angezogen waren und in den kalten Kohlenkeller flüchten konnten. Auf behelfsmäßig ausgelegten Matratzen konnten wir zwar liegen aber an Schlaf war nicht zu denken: Wir hörten das tiefe Brummen der Bombenflieger über uns. Früh hatten wir deshalb auch nicht ausgeschlafen; aber zum Schulunterricht mussten wir trotzdem.

Dann kam der 17.März 1945, der Namenstag unserer Mutter: Getrud, und es begannen die

Schicksalstage 1945.


Ein Kleinflugzeug der Deutschen Wehrmacht warf Flugblätter ab mit der Aufforderung die Stadt zu verlassen, weil heute Nacht mit dem Erstürmen unserer Stadt durch die russische Armee zu rechnen sei. Ein Personenzug zu Evakuierung der Einwohner werde am Bahnhof bereitgestellt.

Unsere Mutter hatte jedoch andere Pläne: Wir verlassen die Stadt, aber mit dem Auto unseres Hausbesitzers (Metzgerei) zusammen mit seiner Familie.

Zunächst musste ich jedoch meine Winterstiefel beim Schuster abholen. Und dann kamen die schrecklichsten Minuten meines Lebens: Tiefflieger jagten Passanten durch die Straßen. Ich lief so schnell ich konnte in Todesangst von einem Hauseingang zum nächsten um nicht gesehen zu werden, denn die russischen Piloten schossen auf alles was sich bewegte. Meine Mutter stand ebenfalls Ängste aus, ob ich wieder heil zurückkomme.

Zuhause angekommen habe ich wie in Ekstase gezittert und war nicht in der Lage, mich alleine umzuziehen. Meine Mutter musste mich beruhigen und anziehen - für die Flucht wärmere Kleidung und zwar alles doppelt: Hosen, Hemden, Pullover, Strümpfe.

Inzwischen hatte es zu schneien begonnen und wir warteten, bis es dunkel war. Dann kam der schwere Abschied von den Großeltern, die nicht mitkommen konnten, weil mein Großvater gelähmt war. Wir, d. h. meine Mutter, die Mutter meiner Mutter, mein großer Bruder (11 Jahre), meine kleineren zwei Schwestern (2 u. 4 Jahre) und ich (9 Jahre), fuhren mit dem Auto des Metzgers etwa 2 km zu einem Ausflugslokal auf einer Anhöhe vor der Stadt.

Gegen Mitternacht begannen die Russen, die Stadt zu beschießen und wir konnten die Brände in der ganzen Stadt beobachten. Wir machten uns Sorgen um die Zuhause gebliebenen Großeltern (später erfuhren wir, dass ihnen nichts passiert war). Wir mussten aber auch erfahren, dass der Zug am Bahnhof durch Beschuss in Flammen aufgegangen war und es viele Tote gegeben hatte. Das war sehr traurig, aber wir waren froh, dass wir nicht den Zug genommen hatten. Beim ersten Morgengrauen haben wir uns dann mit zwei Kinderwagen und dem, was wir tragen konnten auf den Weg zur nächsten Bahnstation (etwa 10 km) gemacht. Im Kinderwagen waren anstatt Polster Stoffballen, in meiner Schultasche waren Zigaretten, bei meinem Bruder waren es Schmuck und Silberbesteck. Meine Mutter und die Oma hatten das Notwendigste zum Essen und Trinken in ihren Rucksäcken.

Durch den in der Nacht sehr stark gefallenen Schnee war der Weg sehr beschwerlich und wir kamen nur langsam voran. Mit den Sachen, die einige Leidensgenossen wegwerfen mussten, weil sie ihnen zu schwer geworden waren, hätte man ganze Lagerhäuser füllen können: vollständige Kücheneinrichtungen, Betten, Stühle, Tische, Fahrräder und noch Vieles mehr. Weil an diesem Tag kein Zug mehr fuhr, warteten wir auf den nächsten Tag - in der Hoffnung, dass vielleicht dann ein Zug noch fahren könnte und übernachteten im Bahnhof. Wir wollten, so schnell wie möglich, in den Westen (also nach Bayern) und hatten Glück, dass an diesem Tag ein Zug fuhr: allerdings nur bis zur nächsten Station (40 km).

Wieder einen Tag warten und dann fuhr tatsächlich ein ganz normaler leerer Güterzug in Richtung Westen und wir stiegen ein. Es war zwar etwas unbequem aber wir kamen voran: Immerhin 130 km bis nach Prag. Und wieder hatten wir Glück und erreichten einen Zug weiter westwärts bis nach Klattau (etwa 100 km). Hier gab es bereits so etwas wie eine Organisation der Flüchtlinge und wir wurden in ein Behelfs-Lager (ehem. Schule) 10 km außerhalb der Stadt einquartiert.

Inzwischen war es Frühling geworden. Es war angenehm warm und die Gegend landschaftlich ansprechend. Wäre nicht das Lager und die Enge mit anderen Leidensgenossen gewesen - es hätte ein schöner Urlaub sein können. Aber in einem Lager mit so vielen Menschen gibt es auch Reibereien, Neid und Missgunst - und Krabbeltiere. Das Essen war auch nicht sehr empfehlenswert.

Als es dann immer mehr Übergriffe der Tschechen auf Deutsche gab, beschlossen wir, uns auf den Weg zur deutschen Grenze (ca. 35 km) zu machen. Wir übernachteten bei einer deutschfreundlichen Bäuerin, die uns über Nacht aufnahm und auch mit Nahrungsmitteln versorgte. Am nächsten Tag (29. April) machten wir uns auf den Weg weiter zur deutschen Grenze: Ein freundlicher Bauer nahm uns mit (ca. 7 km).

Hier trafen wir deutsche Soldaten (Volkssturm!?), die uns eine Baracke zur Übernachtung überließen und uns auch mit ihren Mahlzeiten versorgten.

Dann kamen die Amerikaner. Alle hatten Angst, was jetzt passieren würde. Die deutschen Landser kamen in Gefangenschaft - und wir hatten die vorbereitete Mahlzeit (weiße Bohnen mit Speck) einen ganzen Kessel voll! – Ich konnte jahrelang keine weißen Bohnen mehr sehen.

Auch die Amerikaner beschenkten uns Kinder mit Schokolade und Kaugummi (den wir nicht kannten!). Unsere Oma hatte jedoch Angst, die Schokolade könnte vergiftet sein und wollte nichts davon essen. wir hatten aber gesehen, dass die Soldaten die gleiche Schokolade aßen und ließen uns die süßen Sachen schmecken. Auch sahen wir zum ersten Mal einen schwarzen Amerikaner. Er wollte sich wärmen und kam zu uns in die Baracke. Unsere Oma war besorgt, ob der „Schwarze“ vielleicht meine Mutter „haben“ wollte. Er erzählte uns in gebrochenem Deutsch von seinen Kindern und dass er sich nur etwas wärmen wollte und gab uns einige Dosen mit Reis und Nudeln.

Als meine Mutter am 8. Mai hörte, dass der Krieg vorbei sei, wollten wir schnellstens über die nahe Grenze (ca. 6 km) nach Deutschland und machten uns auf den Weg.

An der Grenze angekommen, wollten uns die dort stationierten Amerikaner nicht durchlassen: Sie hätten den Auftrag der Alliierten, alle Deutschen sollten dort bleiben, wo sie am 8. Mai waren. Also sollten wir wieder dahinzurück, wo wir heute früh weggegangen waren. Unsere Mutter wollte aber so schnell nicht aufgeben und suchte nach einem Ausweg.

Sie sah auf unserer Seite der Absperrung der Amerikaner einen Bauern, der Heu auflud. Sie ging zu ihm hin und erklärte ihm unsere prekäre Lage. Sie versprach ihm den Ballen Stoff aus dem Kinderwagen sowie das Silberbesteck und dass wir bei ihm arbeiten würden, wenn er uns durch die Absperrung der Amerikaner bringen würde. Also wurden meine Schwestern samt Kinderwagen, mein Bruder und ich unter dem Heu versteckt. Mutter und Oma banden sich ein Kopftuch um, nahmen einen Heurechen in die Hand und so wurden wir von den Amerikanern durch die Sperre gelassen.

Wir waren wieder in Deutschland!



Der Bauer und seine Familie nahmen uns bei sich auf. Meine Mutter half auf dem Hof und auf dem Feld, meine Oma beschäftigte sich mit dem Haushalt und versorgte unsere Schwestern. Der Sohn des Bauern nahm meinen Bruder und mich mit auf die Weide zum „Kühehüten“. Wir hatten nach den überstandenen Strapazen einfach viel Spaß: Den Heimweg von der Weide habenwir öfters auf den Kühen reitend zurück gelegt.

Es war ein einmalig schöner Monat Mai!

Zum Essen saßen alle an einem Tisch. In der Mitte stand eine Schüssel mit Milchsuppe (früh) oder mit Speck-Kartoffeln (abends) und alle griffen mit ihrem Löffel in die Schüssel. Es gab aber auch Gemüse-Eintopf oder Speckeier mit Kartoffeln. Wir hatten natürlich nach der vielen fischen Luft einen großen Appetit.

Ende Mai kamen dann Mitteilungen an, die Flüchtlinge könnten zurück in ihre Heimat. Dazu würde in Regensburg ein Sonderzug bereitgestellt.

Amerikanische LKW‘s brachten uns bis Köfering (ca. 120 km), wo wir in einer Scheune übernachteten. Am nächsten Tag wurden wir weitere 17 km in einem Wagen mitgenommen. Den Rest des Weges nach Regensburg (ca. 5 km) gingen wir zu Fuß und waren froh, in Regensburg den auf einem Abstellgleis bereitgestellten Zug erreicht zu haben.

Der Zug fuhr am 8. Juni über Nürnberg bis nach Bamberg. Dann hieß es: Endstation! Es gibt jetzt Zonengrenzen und die Russen lassen keine Flüchtlinge über die Grenze. Gott sei Dank!

In Bamberg angekommen ging unsere Mutter Milch für die kleineren Geschwister einkaufen: heimlich, denn wir durften den Bahnhof nicht verlassen.

Mein Bruder und ich suchten am Bahnhof nach „Essbarem“ und fanden ein paar Kartoffeln. Aus alten Kisten machten wir einFeuer und warfen die Kartoffeln hinein. Schwarz, wie sie waren, haben wir die gebratenen Kartoffeln mit Heißhunger verschlungen. Als unsere Mutterzurückkam, hat sie uns fast nicht mehr erkannt. Wir waren von dem Ruß und den schwarzen Schalen im Gesicht total verschmiert.

Mutter erzählte uns dann, dass wir nicht ins Lager müssten. Sie hatte eine großherzige Frau getroffen, die uns bei sich aufnehmen würde. Wir mussten uns heimlich aus dem Bahnhof schleichen, weil es verboten war, den Bahnhof zu verlassen. Wir schlichen uns also über die Brennerstraße aus dem Bahnhof und waren nun in Bamberg angekommen.

Es war ein schöner Tag und wir waren glücklich.

Nachtrag:


Genau 50 Jahre nach Kriegsende am 8. Mai 1995 wollte ich meiner Frau den Ort und die Gegend zeigen, wo wir damals über die Grenze gekommen sind und wo wir mit den Kühen auf der Weide waren.

Wir fuhren also mit dem Auto nach Rittsteig. Das Haus, in dem wir damals wohnten, fand ich sofort: ein Eckhaus an einer Abzweigung.

Vor dem Haus stand ein Mann etwa in meinem Alter. Ich ging auf ihn zu, grüßte und fragte: „Du bist doch der Koller Schorsch?!“ Er sagte: „Ja, aber kennen wir uns?“ Da erklärte ich ihm die Vorgänge von 1945. „Du liebe Zeit!“, sagte er, „damals kamen so viele Leute vorbei, die konnte ich doch nicht allem im Kopf behalten. Aber schön, dass ihr uns besuchen wollt. Wir haben nur noch eine kleine Landwirtschaft, dafür aber die Gelegenheit Urlaub auf dem Bauernhof.

Weil wir dafür aber nicht vorbereitet waren, bedankten wir uns für die Einladung und fuhren weiter, bestiegen den großen Arber und genossen die herrliche Aussicht über die Berge des Bayerischen Waldes. Die Absicht, die „Ferien auf dem Bauernhof“ irgendwann nachzuholen, konnten wir aber leider nicht verwirklichen.

22.02.2012 | Herr Hirmke

Weitere Artikel

Wir haben ein offenes Ohr für dich, auch in Corona-Zeiten!
Hast du Stress oder Streit daheim? Ist dir gerade alles zu viel? Bist du traurig? Fragst du dich, wann endlich alles wieder normal wird?

Schülerinnen der 8.Klasse lernen im Rahmen der Girls‘ Day Akademie den MINT-Berufsbereich näher kennen
Auch in diesem Schuljahr haben sich 15 Schülerinnen der Maria-Ward-Realschule entschieden, an der Girls‘ Day Akademie teilzunehmen.

Wahlfach Golf an den Maria-Ward-Schulen
An unseren Schulen wird das Projekt „Abschlag Golf“ angeboten.

Neues von der GDA
"Girls' Day Akademie" blickt auf ein erfolgreiches Schuljahr 2017/ 2018 zurück!

Die Forscherklasse
neues Projekt an der Maria-Ward-Realschule

Masken
Aus Karton und Kartonresten haben die Schülerinnen der 6. Jahrgangsstufe Masken hergestellt. Pablo Picasso und der Kubismus dienten als Inspiration.

Girls' Day Akademie
Tätigkeitsberichtbericht Anfang 2017

Selbstportrait
Thema Selbstporträt: Stelle dich nicht von außen, sondern „von innen“ dar: Das, was dich ausmacht, deine Familie, deinen Wohnort, deine Haustiere …und was du gerne magst und machst. Arbeiten aus der Klasse 6cR

Girls‘ Day Akademie
Erste Erfahrungen im MINT-Bereich

Auf den geschichtlichen Spuren unseres Christkindlesmarkts
Kathrin Böhm, erste Abiturientin, die die Armenschule San Ignacio in Chile besuchte, war zu Gast an unserer Schule

Projekte