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Zeitzeugin Jutta John zu Besuch in der 10aR

Am Donnerstag, den 15.4 besuchte Frau Jutta John unsere Klasse im Rahmen des Geschichtsunterrichts. Eine Stunde lang hatten wir die Möglichkeit, ihr Fragen zu stellen und ihren Erzählungen zu lauschen.

Frau John wuchs in der DDR (Deutsche Demokratische Republik) auf und lebte dort fast 40 Jahre. Sie ist verheiratet, hat zwei inzwischen erwachsene Kinder und war berufstätig. Mit ihrer kleinen Familie lebte sie in einer netten Wohnung und auch der größte Teil der Verwandtschaft lebte in der DDR. Im August 1989 floh sie mit ihrer Familie auf unterschiedlichen Wegen.

Was steckt hinter diesem Schicksal ? Warum verließen sie die DDR, ihr zu Hause ? Das brachte Frau John uns mit vielen Details und Emotionen nahe. Für uns ist es unvorstellbar, unsere Heimat illegal zu verlassen, Flüchtling zu sein. Doch aus verständlichen Gründen ließen Frau John und ihr Mann alles hinter sich und bauten sich hier, in der BRD (Bundesrepublik Deutschland) ein neues Leben auf.

Heute ist sie froh, diesen Schritt getan zu haben. Doch es gab immer wieder schwierige Zeiten in ihrem Leben, in denen sie zweifelte. Es war nicht immer leicht, sich als „Ossi“ zu integrieren und integriert zu werden. Als „Wessi“ hatte sie nach der Wende hingegen mit vielen Vorwürfen ihrer Verwandten und Freunde im Osten zu kämpfen.

Frau John und ihr Ehemann entschieden sich für diesen Schritt aus mehreren Gründen.
In der DDR war alles vom Staat kontrolliert und gelenkt. Man lebte sehr einfach und bescheiden, oft mangelte es an grundlegenden Dingen, aber auch Wohnungen . Stundenlang stand man in der Schlange, um Obst oder Gemüse zu bekommen (Außer nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, als der Westen das radioaktiv belastete Obst und Gemüse aus der DDR nicht mehr abnahm). Das Reisen war auf einige wenige Länder des Ostblocks beschränkt.

Schon im Kindergarten und in der Schule setzte der Staat alles daran, die Kinder in seinem Sinn zu erziehen. Nur wer dem Staat treu und gehorsam diente (oder einflussreiche Fürsprecher hatte), bekam gute Studienplätze und Lehrstellen. Es gab bis 1989 im privaten Bereich fast keine Telefone, die Stasi war allgegenwärtig und „Untreue“ dem Staat gegenüber wurde hart bestraft. Meinungs- und Wahlfreiheit gab es nur auf dem Papier.

Im Grunde, sagte Frau John, herrschte eine Diktatur, die von er Partei (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) als Diktatur des Proletariats bezeichnet wurde. Dabei gab es sogar Parallelen zum faschistischen System unter Hitler, was sich in der straffen Organisierung der Kinder bis 14 Jahren in den „Jungen Pionieren“ und den älteren in der „Freien Deutschen Jugend“ sowie in den höheren Klassen im Wehrkundeunterricht zeigte.

Die Flucht war gut durchdacht, doch musste das Ehepaar John seine Kinder vorerst zurück lassen. Diese wurden als „Pfand“ behalten, als die Eltern eine Einladung in die BRD zu einer Familienfeier nutzten, um ihre Heimat zu verlassen. Sowohl auf die Kinder als auch auf die anderen Verwandten wurde massiv Druck ausgeübt, um herauszufinden, wo das Ehepaar blieb. Denn „Republikflucht“ war ein schweres Vergehen in der DDR. Die Wohnung wurde aufgebrochen und über ihr komplettes Eigentum verfügt.

Es kam zum Streit mit der verbliebenen Restfamilie und Problemen in ihrer neuen Heimat wie Arbeitslosigkeit und Einsamkeit. Es gelang dann, den Sohn, der in Ungarn bei Freunden verblieben war, nach der Grenzöffnung Ungarns zu Österreich nach Bamberg zu holen. Die Tochter flüchtete zusammen mit ihrem damaligen Freund in die bundesdeutsche Botschaft in Prag und kam mit einem der Sonderzüge, die durch den Einsatz des damaligen Außenministers Genscher aus der CSSR ausreisen durften, ebenfalls in die Bundesrepublik. Nach der Wiedervereinigung konnte die Familie endlich auch ihren Hund Willi nach Bamberg holen.



Zum Schluss erzählte uns Frau John noch von ihren Eindrücken bei Besuchen in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung. Sie ist überrascht, wie gut es den meisten Familien ihres Bekannten- und Freundeskreises geht, ohne dass diese es anerkennen und vielfach den alten Zeiten nachweinen. Es werden der neuen Regierung Schuldzuweisungen angelastet, statt die alte DDR-Regierung für den politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch verantwortlich zu machen. Natürlich kam für viele Menschen die Wende einfach zu spät und sie konnten

altersbedingt nicht mehr auf ihrem alten Niveau aufbauen. Wirtschaftlich geht es den allermeisten Menschen jedoch wesentlich besser als vorher. Den vielbelächelten Ausspruch vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, dass blühende Städte und Dörfer entstehen sollen, könne man realisiert sehen, wenn man als ehemaliger DDR-Bürger durch die ehemalige Heimat fährt und sieht, was alles neu entstanden ist.

Wir bedanken uns bei Frau John, dass sie bereit war, uns von ihrem Leben so offen zu erzählen. Wir haben dadurch sehr interessante Einblicke in die jüngere deutsche Geschichte gewinnen können.

15.04.2012 | Anna Hußlein, 10aR

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